Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) beim Sportkreis Jung, motiviert und ganz entspannt

Anton Brücher 
leistet ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) beim Sportkreis,     Bild: Juliane Preiß
Anton Brücher leistet ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) beim Sportkreis, Bild: Juliane Preiß

Eschwege – Er ist einer von 182 in Hessen und der Einzige im ganzen Werra-Meißner-Kreis. Anton Brücher absolviert seit Oktober 2023 ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Sport. Die Einsatzstelle des 20-Jährigen ist der Sportkreis Werra-Meißner. Den größten Teil seiner 38,5-Stunden-Woche unterstützt er den SSC Bad Sooden-Allendorf, im Training und bei Wettkämpfen. Zusätzlich arbeitet er für ein paar Stunden in der Geschäftsstelle des Sportkreises.

An diesem Freitagvormittag steht Anton Brücher zusammen mit der Leistungsgruppe der Neuntklässler in der Leichtathletikhalle der Rhenanus-Schule. Seine Aufgaben sind Hürden aufbauen und die Weitsprunggrube harken. Maximilian Balken erklärt ihm zwischendurch die Trainingsinhalte. Am liebsten übernimmt Anton aber selbst die Leitung einer Gruppe mit Kindern. „Es macht mir total Spaß zu sehen, wenn die Kids begeistert mitmachen.“ Mit seiner ruhigen Art komme Anton besonders bei Kindern gut an, sagt sein Betreuer Maximilian Balken.

Dass Anton beim Sportkreis gelandet ist, war Zufall. Eigentlich wollte der Sohn von Gastronomen nach seinem Fachabitur Winzer werden. Doch die Bewerbungsverfahren für das laufende Ausbildungsjahr waren schon abgeschlossen. „Ich wusste nicht so richtig, wohin mit mir.“ Sein Basketballtrainer Maximilian Balken, selber ehemaliger FSJler und heute der pädagogische Betreuer beim SSC, erzählt ihm von der offenen Stelle. Anton ist kein absoluter Sportcrack, aber neben dem Basketball fährt er in seiner Freizeit Skateboard und macht Krafttraining.

Dass man FSJ nicht nur in Pflegeheimen, Kindergärten oder Sozialverbänden, sondern auch in Sportvereinen machen kann, sei eher unbekannt, sagt Katrin Eger, Leiterin der Freiwilligendienste bei der Sportjugend Hessen. Trotzdem entscheiden sich jedes Jahr bundesweit rund 4000 junge Menschen dafür. Allgemein ist die Zahl der FSJler rückgängig. „Im Sport nicht so stark, aber die jungen Menschen treffen ihre Entscheidungen immer später, wollen sich alle Optionen offenhalten.“ Optionen wie Reisen, Jobben oder doch lieber gleich Studieren.

Ein ganzes Jahr, um sich zu orientieren

„Das FSJ kann man als eine Art Orientierungsphase sehen“, sagt Katrin Eger. „Ich kann ausprobieren, ob ich mein Hobby Sport zum Beruf machen möchte, beispielsweise als Lehrer, Physiotherapeut oder Sportwissenschaftlerin.“ Bei Maximilian Balken hat das genau so funktioniert. Vor rund 15 Jahren hat er sein Freiwilliges Soziales Jahr in Bad Sooden-Allendorf absolviert. „Deswegen bin ich immer noch hier“, sagt der 33-Jährige und lacht. Der Sozialpädagoge ist heute Talentstützpunkttrainer an der Rhenanus-Schule und trainiert in seiner Freizeit die Basketballer der BG Werra-Meißner. „Zum Basketballspielen bin ich überhaupt erst im FSJ gekommen“, sagt Balken.

Auch die Handballspielerin des SV Reichensachsen, Laura Heckmann, ist ehemalige FSJlerin. Ein Jahr lang war sie bei der MT Melsungen eingesetzt. „Ich wollte etwas Soziales machen, für Menschen in jedem Alter.“ Ihr Einsatzgebiet bei der MT sei extrem vielfältig gewesen. Später hat sie Sport- und Ernährungswissenschaften studiert, gerade gründete sie mit einem Geschäftspartner ein Unternehmen für Trainingstherapie in Herleshausen . „Das FSJ war eine super Zeit. Ich habe viel gelernt, auch über mich. Ich profitiere bis heute von dem Netzwerk, was ich mir damals aufbauen konnte.“

Netzwerken ist fester Bestandteil des Jahres. 25 sogenannte Bildungstage stehen jedem und jeder Freiwilligen zu. In dieser Zeit ist auch die Übungsleiterausbildung Breitensport für Kinder und Jugendliche integriert. Anton Brücher nimmt gerne an den Weiterbildungen der Sportjugend Hessen teil. „Ich lerne Dinge, von denen ich vorher keine Ahnung hatte“, sagt er. Das Beste sei aber der Austausch mit anderen. „Ich habe schon viele neue Leute kennengelernt.“ Schade sei nur, dass es im Werra-Meißner-Kreis keine anderen FSJler gebe.

Dabei gibt es neben dem SSC Bad Sooden-Allendorf durchaus Vereine, die als Einsatzstellen bei der Sportjugend Hessen gelistet sind und auch schon Freiwillige beschäftigt haben: die Handballabteilung des VfL Wanfried, der Eschweger TSV und der SV Reichensachsen in Kooperation mit der Kleeblattschule Reichensachsen und Werraland. Der SVR und der ETSV werden die Stellen für das Einsatzjahr 2024/25 auch wieder ausschreiben.

Nach ihrer eigenen positiven Erfahrung hatte Laura Heckmann angeregt, dass die Handballabteilung des SVR eine FSJ-Stelle schafft. „Wir haben genügend Aufgaben. Die Arbeit ist extrem vielfältig, die FSJler kommen mit Schülerinnen und Schülern in Kontakt und im Training der Unified-Mannschaft auch mit Menschen mit Behinderung.“ Nach vier Freiwilligen legte der SVR in diesem Jahr eine Pause ein, doch ab 1. September ist die Stelle wieder zu besetzen. „Wir als Verein profitieren von den Freiwilligen, nicht nur für das Jahr, sondern meist auch noch darüber hinaus“, sagt Laura Heckmann. Ein Beispiel dafür sei Nico Weiß, der Handballer des VfL Wanfried ist fester Bestandteil des Unified-Teams und nahm als Partner in diesem Jahr bei den Special Olympics teil.

Beim ETSV wird zwar auch viel Handball gespielt, ein FSJler oder eine FSJlerin kann auch in einer der vielen anderen Abteilungen des Vereins eingesetzt werden. „Unser letzter FSJler interessierte sich für Akrobatik und Schwimmen“, sagt Reiner Brill, stellvertretender Handball-Abteilungsleiter, der die Freiwilligen betreut. Im vergangenen Jahr hatte es zwar zwei Auswahlgespräche gegeben, „aber es habe einfach nicht gepasst“, so Brill. „Die Bewerber müssen bereit sein, auch nachmittags und am Wochenende zu arbeiten und sie müssen sich selbstständig organisieren können.“

Kritik an geringer Bezahlung

Reiner Brill sagt: „Ich habe schon viele Bewerbungsgespräche geführt und finde Menschen, die sich vielseitig weiterentwickelt und engagiert haben, immer interessanter als solche mit einem aalglatten Lebenslauf.“ In einer Zeit, wo Übungsleiter immer rarer werden, sei das eine tolle Möglichkeit, junge Menschen an die Vereine zu binden.

Beim VfL Wanfried sei die ehemalige FSJlerin Lena Denker noch als Übungsleiterin aktiv, sagt der ehemalige Handball-Abteilungsleiter Claus Wehr. „Ich fand das FSJ immer eine super Sache.“ Der VfL wird vermutlich keine Stelle ausschreiben. Es habe auch keine Bewerbungen mehr gegeben. Für einen vergleichsweise kleinen Verein wie den VfL sei das FSJ auch ein finanzieller Aufwand, so Wehr. 470 Euro pro Monat müssen an die Sportjugend Hessen gezahlt werden. Plus eventuelle Fahrtkosten.

Die Freiwilligen bekommen hingegen nur ein Taschengeld von 320 Euro ausgezahlt. Das wird immer wieder kritisiert, auch da Freiwillige kein BAföG beantragen können. „Meist sind es Akademikerkinder, die sich den Freiwilligendienst auch leisten können“, sagt Katrin Eger von der Sportjugend Hessen. Mit anderen Organisationen kämpft die Sportjugend dafür, den Freiwilligendienst finanziell zu stärken. Doch statt mehr Geld zu geben, wollte die Bundesregierung Ende 2023 sogar ein Viertel der bisherigen Zuschüsse für den Bundesfreiwilligendienst streichen, rund 78 Millionen Euro. Es hagelte Kritik, der Haushaltsausschuss nahm die Pläne zurück.

Auch Anton Brücher hätte nichts gegen mehr Geld einzuwenden, aber es ginge auch so. Der 20-Jährige wohnt noch zu Hause, nur ein Katzensprung von den Sporthallen der Rhenanus-Schule entfernt. „Ich nehme viel mit. Mein Selbstbewusstsein ist definitiv stärker geworden“, sagt er mit einem breiten Grinsen. „Ich würde das FSJ auf jeden Fall allen empfehlen, die gerne mit Menschen umgehen. Man macht etwas Sinnvolles und kann noch mal in aller Ruhe überlegen, was man wirklich machen will.“ Auf die Frage, ob er sich vielleicht doch ein Lehramtsstudium vorstellen könnte, statt Winzer zu werden, überlegt er kurz und schüttelt den Kopf: „Nee, mir ist eine praktische Ausbildung dann doch lieber.“

Juliane Preiß, Werra Rundschau
Verantwortlich für diesen Inhalt: Sportkreis Werra-Meißner


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